Dschungelcamp? Survival? Überlebenskampf gegen eine feindliche Natur? Derartige Assoziationen gehen einem durch den Kopf bei diesem Titel. Aber ganz so eklig oder kämpferisch kam es dann doch nicht. Dafür warteten auf unsere kleine Gruppe Erlebnisse und Einsichten, die man sonst kaum haben kann. Und das kam so:

Ursprünglich hatten Freunde mir gemeinsam zum letzten Geburtstag einen Gutschein verehrt, und zwar für einen Hubschrauberflug. Einzulösen innerhalb eines Jahres mit diversen Standorten und Terminen zur Auswahl. Nun hatte ich erst kürzlich bei der zehnjährigen Firmenfete der Firma, in der meine Frau täglich werkelt, einen Rundflug über die Region genießen können. Wenn auch nicht mit dem Heli, sondern einem kleinen Privatflieger.  Einmal als wir noch  in England lebten und, besonders spektakulär, einmal über die Insel Kawaii, war ich schon mal im Hubschrauber unterwegs. Es schien mir schade, den Gutschein nur für eine Wiederholung zu verbrauchen. Bei der Suche nach einer Alternative stieß ich beim gleichen Portal auf das Wildniswochenende, das partnerfreundlich sogar in der näheren Umgebung stattfinden sollte, in der Umgebung von Neumarkt.

Da die Natur bei uns alles andere als lebensfeindlich ist, das Ganze keine Inszenierung für irgendwelche Ekelmedien sein kann, und ein Wochenende wohl unter allen Bedingungen locker zu überleben ist, hoffte ich auf einige interessante Naturerlebnisse. Eine Möglichkeit auch, die eigene Faulheit zu überwinden und die „Komfortzone“ mal für einige Zeit zu verlassen. Mangels echter Gefahren in unserer weitgehend von Menschen gestalteten und dominierten Natur sind manche Extremsportarten (z. B. drachenfliegen, Bergsteigen, jeder Motorsport) sicher deutlich riskanter.  Da ich über den Sport sowieso viel in den Wäldern unterwegs bin, wenn auch auf den Wegen und Pfaden, hat der Ansatz, in dieser Umgebung eine Weile mal bewusst und betreut auf die Zivilisation zu verzichten, mich gelockt.

Der Veranstalter bot einige Alternativtermine an. November oder Februar für eine Nacht im  Freien und auch mit weitgehend ruhender Vegetation kam nicht in Frage, aber Ende Mai klang gut. Am Wochenende nach Pfingsten war es dann soweit. Der Wetterbericht ließ leider keinen angenehmen Frühsommer erwarten. Regen und Kälte der letzten Wochen sollten noch weitergehen. Was soll's, mit langer Unterwäsche und wasserdichter Jacke ist das Wetter kein Thema. Letztlich blieb dann der Samstag komplett trocken und erst am Sonntag wurde es von oben feucht.

Die Anfahrt zum Treffpunkt außerhalb von Berngau (gerade schon in der Oberpfalz) war mit Navi problemlos. Als ich um kurz vor 10:00 am Treffpunkt ankomme, ist von der Gruppe oder dem Guide ist noch nichts zu sehen. Der junge Mann in erdfarbener Kleidung, der dann anspaziert, stellt sich als Tobias vor, unser Guide für dieses Wochenende. Mit Jahrgang '85 ist er sogar ein Jahr jünger als unsere Tochter. Nach einem Studium der Kulturpädagik führt er nun freiberuflich derartige Veranstaltungen durch, zusammen mit einem Freund, nach dem die veranstaltende Firma heißt. Ein hartes Brot und in der ersten Zeit sicher ein echtes Survivaltraining. Inzwischen sind die beiden bekannter und können davon leben. Zum Glück sind seine persönlichen Ansprüche sehr gering.

Christian, ein weiterer Teilnehmer wartet an einem anderen Parkplatz in der Nähe auf uns. Ich schätze ihn auf Ende vierzig. Er ist Pädagoge in einem Kinderdorf in der Nähe von Heilbronn. Umgänglicher Typ mit Bart. Mit leichter Verspätung bringt dann noch eine Mutter ihren Sohn und dessen Freund, beide 16. Mit den Buben sind wir nun schon komplett. Die Mutter verabschiedet sich gleich wieder.

Der Waldrand ist ein Stück weg, dazwischen Wiesen, Felder und ein kleiner Weiher. Auf dem Weg zum Wald fangen wir an, unseren Salat zu sammeln. Jeder kennt ein paar essbare Kräuter, wie Löwenzahn, Wegerich, Giersch oder Sauerampfer. Tobias erklärt, welche Kräuter man essen kann, welche nicht schmecken und welche giftig sind. Nur pflücken, wenn man sich hundertprozentig sicher ist, dass die Pflanze nicht giftig ist! Achtzig Prozent reichen nicht. Und Finger weg von Pilzen, da schwer verdaulich.  Langsam füllt sich unser Beutel. Dann ein Feld mit viel Löwenzahn, schon im Stadium der Pusteblumen. Wir sammeln die Samen als Zunder für das spätere Feuer. Wie auch die wolligen Samen der Rohrkolben am Weiher. So langsam wird uns klar, dass wir uns aus der Natur ernähren werden. Fische aus dem Weiher oder größere Tiere (so ab Kaninchen aufwärts) scheiden allerdings aus. Wilderei kann teuer werden. Tobias erklärt, dass jemand, der ein überfahrenes Tier auch nur an die Straßenseite trägt, sich schon der Wilderei schuldig machen kann. Frösche oder anderes Getier sehen wir allerdings auch nicht.

Bei einer Runde um den Weiher schneidet sich jeder ein kurzes Weidenstöckchen. Wohl auch der erste Test der mitgebrachten Messer. Wenn man die Rinde am Ende abschält und das Ende kauend auffasert, kann man sich damit die Zähne putzen. Geht tatsächlich, auch wenn es bis jetzt noch nichts wegzuputzen gibt.

Im Wald dann sehen wir vor uns ein Reh und einige Spuren, die Tobias erklärt. Wir gehen abseits der Wege und versuchen die Richtung zu halten, und bei dem trüben Wetter überhaupt die Himmelsrichtung zu bestimmen.  Solange man noch irgendwo die Sonne erahnen kann, geht das noch ganz gut. Unser Vorhaben im Wald geradeaus zu laufen wird immer wieder durch Zäune erschwert, die Schonungen abtrennen. In diesem fast reinen Fichtenwald stürzen sich sonst die Rehe auf jeden Laubschössling.

Schließlich stehen wir vor unserer Unterkunft für die Nacht, ein sogenannte Lean-To, an dem schon mehrere Gruppen vorher gebaut hatten. Zum Glück müssen wir es nicht ganz von Null aufbauen. Zwischen zwei Bäumen sind quer zwei dünne Stämme als Firststangen gebunden. Wirklich gebunden sind sie, mit Fichtenschnüren, den seilartigen Wurzeln. Nägel oder gar Schrauben kommen hier natürlich nicht in Frage. Gegen die Firststangen lehnen seitlich dicht an dicht weitere Stangen, die das Dach bis zum Boden bilden. Durch die beiden übereinander liegenden Firststangen sind die Dachteile auf beiden Seiten unterschiedlich hoch. Durch den Spalt zieht später der Rauch unseres Feuers ab. Um die Stangen abzudichten (immerhin waren wir auf Regen gefasst) kommt eine Schicht Moos darauf und darüber eine Schicht Lehm und Schlamm aus dem nahen Bächlein. Ein Teil des Daches war schon fertig, aber nicht genug, um uns vier und die Sachen bei Regen trocken zu halten. Tobias zog es vor, nicht im Lean-To zu übernachten, sondern unter einer gespannten Plane in der Nähe. Dort hatte er auch seine Notfallausrüstung und einige Überraschungen für uns versteckt.

Mit einem Blecheimer, im dem wohl mal Gurken verkauft wurden, ziehen die Buben zum Bach los, um den nötigen Schlamm zu bringen. Dieser Eimer sollte uns noch sehr nützlich sein. So ein Gefäß aus Naturmaterialien erst zu bauen, hätte sicher unseren Zeitrahmen gesprengt. Mit meiner Plane gehe ich auf die Suche nach Moos, um die Stangen abzudichten. Gemeinsam dichten wir dann das Dach weiter ab und hoffen, dass es den erwarteten Regen abhalten kann. Irgendwann haben die Buben eisige Finger und wollen nicht mehr.  Zeit für einen Themenwechsel. Wir haben ja schließlich noch kein Feuer.

Ein bisschen Holz liegt in unserer simplen Unterkunft und auch etwas in der nahen Umgebung. Aber damit kommt man nicht weit. Warum sollten unserer Vorgänger auch mehr gesammelt haben, als sie selber brauchten. Tobias bringt zwei kleine Fuchsschwanzsägen mit einklappbarem Sägeblatt und wir gehen ans Werk.  Die Buben bringen ganz stolz eine trockene Fichte, die sie mühsam gefällt haben. Die klein zu schneiden, ist allerdings mit unseren Mitteln eine recht mühsame Angelegenheit. Irgendwann haben wir aber doch einen kleinen Holzvorrat in der „Hütte“.  Der wird aber wohl nicht sehr lange reichen.

Wir haben die Wahl: Entweder wir sammeln und sägen genügend Holz für die ganze Nacht. Dann brauchen wir abwechselnd eine Feuerwache, haben es dafür aber warm. Immerhin rechnen wir mit Nachttemperaturen in der Nähe des Gefrierpunktes. Oder wir lassen das Feuer ausgehen und kuscheln uns in die Schlafsäcke. In der Hoffnung, damit warm genug zu bleiben. Da wir alle Schlafsäcke haben, einigen wir uns schnell gegen die nächtlichen Flammen am Schlafplatz. Mit den müden Buben wäre eine Feuerwache auch ein großes Risiko geworden.

Bisher brennt aber noch nichts. Die Steinzeitmethode mit Feuerbohrer macht den Anfang.  Die nötige Schnur, um den Feuerbohrer zu drehen, kommt nicht aus dem Wald. Aber die Herstellung von Schnüren hätte unseren Rahmen sicher gesprengt. Tobias führt vor, wie man mit dem Feuerbohrer arbeitet. Und tatsächlich kommt etwas Rauch von der Spitze des Bohrers. Aber von da bis zu einen flackernden Lagerfeuer ist es noch ein langer Weg. In der Theorie sollte der Abrieb des Feuerbohrers in der mühsam eingeschnitzten Kerbe zu glimmen anfangen, damit durch geduldiges Pusten die Glut sich auf unseren gesammelten Zunder verbreiten kann. Weiteres Anblasen sollte dann ein Flämmchen erzeugen, das dann die dünnsten Ästchen zum brennen bringt. Nach und nach brennen dann auch dickere Zweige. Klingt kompliziert, und ist noch viel komplizierter. Wir schaffen es bei weitem nicht. Wenn wir gut sind, kommt etwas Rauch. Tobias kommt immerhin bis zur Glut oder Flämmchen, die kurz danach aber wieder ausgingen. Auch wenn uns das Holz trocken vorkommt, muss es in den letzten Tagen und Wochen viel Feuchtigkeit gezogen haben.

Methode zwei bedient sich der Eisenzeit. Mit einen schlagringartigen Eisenring schlägt man auf eine Steinkante. Der berühmte Feuerstein ist dafür ein Kandidat. Dabei spritzen die Funken (jedenfalls wenn man es kann und die Kante noch einigermaßen scharf ist). Da unser Löwenzahn- und Rohrkolbensamen uns kein Feuer beschert hatte, öffnet Tobias nun eine ehemalige Bonbondose mit seinem Spezialzunder: Fitzelchen aus verkohltem Jeansstoff. Die Funken, die ja gleich wieder ausgehen, bringen ein Eckchen dieses Zunders zu glühen, ohne dass die Glut gleich wieder ausgeht. Und damit hat man etwas zum anblasen. Alles weitere wie oben beschrieben.

Bei meinen Versuchen komme ich über die Stufe Rauch und etwas Glut nicht hinaus. Die Buben zeigen wenig Interesse und erwarten nur, dass wir endlich ein Feuer zustande bringen, an dem sie sich dann wärmen können. Tobias schafft schließlich die erste Flamme und hätschelt sie zu einem Feuer.  Dummerweise sitzt er dabei gegen die Richtung des leichten Windes, der ihm den Qualm ins Gesicht treibt. Mit viel Pusten und stufenweise stärkerem Holz haben wir endlich ein Feuer in unserem Lean-To.  Unser Holz ist aber doch so feucht, dass wir immer wieder aufpassen müssen, dass unser mühsam erzeugtes Feuer nicht gleich wieder ausgeht. Mehrmals ist es kurz davor.

Zeit für die Verpflegung. Hunger haben wir schon genug. Auf der Habenseite finden wir allerdings nur  unsere Wiesenkräuter und eine Weinbergschnecke, die unvorsichtigerweise unseren Weg gekreuzt hatte. In Frankreich und mit der richtigen Zubereitung immerhin eine Delikatesse. Die Buben ziehen wieder mit dem Schlammeimer Richtung Bach und spülen ihn gut aus. Hinein mit dem Salat. Mangels Geschirr und Besteck essen wir mit den Fingern aus dem Eimer. Die Kräuter einfach so, wie gerade aus der Wiese gepflückt, sind allerdings sehr schwer runter zu kriegen. Zum Glück hat Tobias ein Fläschchen mit Essig und eines mit Öl. Er mischt mit den Fingern im Eimer eine Art Dressing. Und damit ist der Salat durchaus essbar. Wir lassen den Eimer kreisen und jeder greift zu. Dann ist die Schnecke dran. Wir werfen sie eine Zeitlang in die Glut. Tobias und Christian versichern, dass sie ganz gut schmecken würde. Ich verzichte. Eine Schnecke für drei Männer ist schon eine strenge Diät. Die Buben rühren sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.  Es ist erst sieben und noch lange nicht dunkel. Wir hocken noch um unser Feuer, plaudern und lassen dabei die Flammen langsam herunter brennen. Dann zieht sich Tobias zurück und Christian und ich rollen auch die Schlafsäcke auseinander.

Mein Schlafsack ist ein Restbestand unserer Söhne, den wir noch im Keller gefunden hatten. Merkwürdigerweise ist der zusammengerollt, der Reißverschluss aber nicht geschlossen. Im letzten Licht kann ich gerade noch erkennen, dass der Reißverschluss kaputt ist und der ganze Schlafsack sich nicht schließen lässt. Damit kann ich mich damit nur zudecken, zusammen mit der Jacke, die ich noch darüber lege. Für darunter hatte ich mangels Isomatte aus der Plane eine Art Schlauch gefaltet und mit viel Moos gefüllt. Das sollte wohl gehen. Auf dem Rücken wäre das auch einigermaßen bequem gewesen, in meiner gewohnten Seitenlage allerdings nicht. Immerhin brauche ich nicht zu frieren. In den Schlafsack hineingeatmet und das defekte Stück so gut es ging um mich gewickelt, ist es einigermaßen warm. Nur wenn ich die Nase herausstrecke, merke ich die beißende Kälte. Tobias spricht am nächsten Morgen von nur sechs Grad.  Auf der Seite liegend und immer wieder mit Blick auf die Uhr und auf der Suche nach einer etwas erträglicheren Schlafposition, habe ich vermutlich zwischendurch auch etwas geschlafen. Viel kann es nicht gewesen sein.  Christian und den Buben scheint es besser zu gehen. Die rühren sich noch nicht.

Nachts hatte es zu regnen angefangen, wenn auch nur sehr leicht. Mein an Tag zuvor abgedichtetes Dachstück, unter dem ich lag, ist aber dicht geblieben. Gegen vier beginnt ein vielstimmiges Vogelkonzert, das für mich auch sonst wie ein Wecker wirkt. Sobald es hell genug ist, schnappe ich meine wasserdichte Wachsjacke und schleiche mich nach draußen. Es dauert einige Schritte, bis meine Beine wieder normal funktionieren.

Irgendwann, da ist es schon deutlich nach acht, kommt auch wieder Leben in meine Mitbewohner. Christian hat die Nacht gut überstanden. Die Buben sind inzwischen aber schon sehr einsilbig geworden.

Ob unser Feuer sich noch wiederbeleben lässt? Aber auch mit Tobias' Hilfe finden wir keine Glut mehr. Zumindest wissen wir jetzt schon, wie wir wieder zu Flammen kommen.
Diesmal wird es aber noch schwerer. Durch den Regen hilft uns nun auch die Methode Eisenring auf Feuersteinkante nicht mehr zum Erfolg. Unser Zunder ist wohl zu feucht geworden. Die Rettung hat Christian, der einen Feuerstahl aus der Tasche zieht. Und damit sind wir zündermäßig in der Neuzeit angekommen. Ein kleines Blechstück über einen Stahlstab gezogen und schon spritzen die Funken. Damit bringen wir Tobias' verkokte Jeansfitzel zum glühen. Bald haben wir ein neues Feuer mit den Restbeständen an Holz, die noch herumliegen.

Was haben wir zum Frühstück? Gute Frage, die aber keiner so richtig beantworten kann. Beginnen wir mit Fichtennadeltee. Ich mache mich mit dem Eimer auf den Weg zum Bach, spüle die Reste des gestrigen Salates raus und schöpfe unser Teewasser. Den Pott auf's Feuer und ein paar frische Fichtenzweige hinein, jetzt müssen wir nur noch warten, bis der Sud eine Weile gekocht hat. So weit von der Quelle ist das Wasser sonst nicht ohne weiteres sicher trinkbar. Der Eimer ist jetzt allerdings zu heiß, um ihn zu halten und daraus trinken zu können. Christian füllt seine Trinkflasche aus Metall mit unserem Tee und hofft, dass der dann schneller abkühlt und leichter zu hantieren ist. Das klappt dann auch ganz gut. Tatsächlich ist Fichtennadeltee durchaus trinkbar, finden wir Erwachsenen zumindest. Die Stimmung der Buben ist noch nahe dem Nullpunkt. 

Um die Buben wieder zu beteiligen, zieht Tobias ein Stück Jeansstoff hervor, den die beiden mit den Messern in kleine Stücke schneiden oder – besser noch – zerreißen sollen. Die Fitzel kommen in die Zunderdose und die dann ins Feuer. Sobald die Öffnung im Deckel nicht mehr raucht, ist die Verkokung abgeschlossen. Tobias verschließt die Öffnung im Deckel mit einem Stöckchen, damit der Zunder nicht gleich zu Asche verglüht.

Tobias zaubert eine Tüte mit Kartoffeln hervor. Wir werfen sie in die Glut, um sie zu garen. Mit etwa 13 Kartoffeln für die ganze Gruppe werden wir uns schon nicht überfressen. Ohne die verbrannte Schale duften die Kartoffeln wunderbar und geben uns den Eindruck, wir würden jetzt frühstücken.

Dass es jetzt in der Natur keine Kartoffeln gibt, spielt keine Rolle mehr. Tobias hatte erklärt, dass die Ernährung aus der Natur im Frühjahr noch geht, da es viele essbare Pflanzen gibt. Im Sommer wird es wirklich schwierig: weniger Kräuter und noch keine Früchte. Im Herbst ist es dann wieder leicht, genug zu finden. Und vom Winter sprechen wir in diesem Zusammenhang besser gar nicht erst. Ohne tierische Nahrung geht es definitiv nicht. Vegetarier haben in der Wildnis ohne Vorräte erst einmal ein echtes Problem, schon weil sie kaum fetthaltige Nahrung finden. Bis es im Herbst Nüsse gibt, kann es sogar in unseren milden Breiten zu spät sein. Für ein Wochenende spielt das zwar keine Rolle, aber wir bekommen doch eine Ahnung, was überleben in der Wildnis bedeuten kann. Tobias berichtet, dass er einmal für einen ganzen Monat im Wald gelebt habe. Mit einer Reihe von Fallen rund um den Schlafplatz und Mäusen, Fröschen und dem gelegentlichen Eichhörnchen auf dem Speisezettel. Dazu wird es bei uns zwar nicht mehr kommen, aber als nächsten Programmpunkt lernen wir Fallen für derartige Kleintiere zu bauen.

Jeder soll sich ein paar Stöckchen bestimmter Dicke und Länge schnitzen, die mit Anspitzungen und passenden Kerben zusammengesteckt werden sollen. Christian und ich sind dabei, die Buben ziehen es vor zu schmollen und nichts zu machen. In unserem Lean-To liegt bereits eine Steinplatte, die wohl schon die Vorgänger verwendet haben. Die brauchen wir jetzt, da die ineinandergreifenden Stöckchen die Steinplatte schräg abstützen sollen. Unsere Beute soll die Stöckchen, die mit einem geeigneten Köder zu garnieren wären, umreißen und dann unter der umfallenden Steinplatte ihr Ende finden. Falls man keine so perfekt und industriell gefertigte Steinplatte zur Hand hat, und nur einen normal runden Stein, wird die Sache wesentlich schwieriger, da die Beute recht leicht ausweichen kann. Auch hier ahnen wir, wie schwer es sein muss, sich wirklich ohne Zugriff auf industriell gefertigte Produkte, aus der Natur zu ernähren. Zum Glück kommen unsere Fallenversuche nicht zum Einsatz. Es wird Zeit für eine kleine Wanderung.

Inzwischen regnet es kräftiger und stabil. Wir packen unser Zeug zusammen. Für Christian und mich ist der Aufenthalt im Lean-To beendet. Die Jungs sind für drei Tage gebucht und bleiben noch eine weitere Nacht.

Ziel der kleinen Wanderung ist die Quelle des Baches, der bei uns vorbeifließt. Die Jungs wollen direkt am Bach entlang, merken dann aber, dass sie dann mehr im Matsch laufen als ein paar Meter höher am Hang. Tobias lässt uns gewähren und gibt den Weg nicht vor.  An der Quelle ist das Wasser unbedenklich trinkbar. Wer will, kann seine Flaschen wieder auffüllen. Mir reicht der mitgebrachte Vorrat noch.

Eine kleine Orientierungsübung schließt sich an. Jeder soll für 10 Minuten in irgend eine Richtung schnurgerade durch den Wald gehen und dann wieder genauso linear zurück. Ob wir wieder am Ausgangspunkt ankommen? Anscheinend klappt das bei Allen und wir treffen uns wieder.

Vor hier gehen drei Wege ab. Welchen müssen wir gehen, um wieder zurückzukommen? Hier hat jeder einen anderen Vorschlag. Mir scheint der mittlere Weg richtig und ich  versuche die anderen davon zu überzeugen. Tobias hält sich da ganz raus. Nach längerer Debatte einigen wir uns auf den mittleren Weg. Schließlich kennt von uns keiner die Wege in diesem Wald. Wir stapfen los und kommen überraschenderweise wieder genau an der Waldecke unseres Lean-Zos heraus. Wahrscheinlich braucht man manchmal auch Glück zum überleben. Hier aber trennen sich unsere Wege. Tobias begleitet Christian und mich zurück zum Parkplatz. Die Buben bekommen derweil den Auftrag, ihr Feuer wieder in Gang zu kriegen. Glut ist sicher noch genug da. Wir drei aber spazieren locker plaudernd durch den Regen zurück zu den Autos. Stückchenweise kommen wir aus der Wildnis zurück in die Zivilisation. Danke und Verabschiedung mit einer herzlichen Umarmung. Jetzt ein Königreich für eine heiße Dusche...


Helmut Steinke, 27. Mai 2013
 

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